Beziehung am Limit

von Leidensdruck, Angst und Scham

Wenn Paare sich dazu entschließen eine Beratung oder Therapie in Anspruch zu nehmen, dann ist der Leidensdruck meist sehr hoch. Der Gedanke an Trennung ist dann oft schon bei einem oder beiden ins Bewusstsein gerückt, nicht selten hat man sich damit im Streit bereits gedroht. In manchen Fällen sind die Drohungen schon fast zur Gewohnheit geworden, andere Paare wieder vermeiden das Wort „Trennung“; bedrohen sich aber indirekt damit, in dem sie bei jedem Streit ihre Frustration und Enttäuschung über den anderen mit höchstmöglicher Präzsion zum Ausdruck bringen. Dahinter steht ein gerüttteltes Maß an Verzweiflung mit dem unbewussten Drang, die Verletzungsspirale durch das stete Zusteuern auf die unvermeidliche Eskalation endlich zu beenden. Aus meiner Erfahrung verharren Paare oft jahrelang in einem Zustand des Leidens, ehe sie sich dazu entschließen, professionelle Unterstützung zu organisieren.

Warum ist das so?

Einerseits sind wir Menschen so anpassungsfähig, dass wir uns an ein gewisses Maß an Leidensdruck mit der Zeit tatsächlich gewöhnen (wenngleich jeder chronische Leidensdruck auch seinen Preis hat!) – andererseits entsteht eine oft immer größere Hemmung, den Zustand zu verändern.

Veränderungen bedingen nämlich immer auch die Herausforderung, sich aus einer Gewohnheit zu lösen und auf neue Erfahhrungen einzulassen. Der bisherige Pfad mag schmerzhaft und unbequem gewesen sein, aber zumindest kennt man ihn schon. Man weiß genau über die eigenen Bruchrillen Bescheid, kennt die verletzlichen Punkte des anderen und kann die gegenseitigen Reaktionsmuster einigermaßen berechnen.

Paarberatung bedeutet, sich auf einen Prozess einzulassen – eine Art Entdeckungsreise, die mitunter auch zu den tiefverwurzelten emotionalen Konflikten in einen selbst führen können. Die Aussicht auf eine aufrichtige Auseinandersetzung mit möglichen biografischen Bindungsdefiziten und eigenen destruktiven Anteilen kann verständlicherweise enorme Unsicherheit und auch Widerstand auslösen. Dazu kommt noch die Angst vor dem Verlust. – Denn so dramatisch sich manche Beziehungen auch darstellen – so groß die innere Katastrophenstimmung auch sein mag, aber die Angst davor, dass es dann doch zu einer Trennung kommen könnte, verhindert oft den Weg in eine Beratung.

Und zu alldem gesellt sich bei manchen das Gefühl von Scham. Noch immer ist in vielen Köpfen der Gedanke verankert: „Wir müssen das allein schaffen“.

Als ob Beratung / Therapie ein Zeichen von Schwäche wäre!?

Das wäre so, als würde man sich entscheiden bei schlechten Sichtverhältnissen auf unbekannter Straße ohne Scheinwerfer und Navigationssystem zu fahren. Keine gute Idee, oder?

Es ist also der reife, erwachsene Anteil in uns, der die Krise (Gefahr) beenden will und Aufrichtigkeit (klare Sicht) einfordert. Denn erst wenn die Karten offen auf dem Tisch liegen, entsteht Klarheit und damit auch eine echte Chance auf Entwicklung. Eine Paarberatung kann keine Wunder bewirken, denn die Navigation liegt in Deinen / Euren Händen. Aber sie kann dabei helfen den Weg auszuleuchten und die Hürden zu erkennen. Damit Ihr sicher ans Ziel kommt.

Demnächst: „Rolle des Beraters/Therapeuten“ und… „Wann ist es sinnvoll, Unterstützung zu suchen?“

Bis bald und herzliche Grüße,

Mikael