Viele, vielleicht sogar die meisten Menschen, denken beim Begriff „Verführung“ an Erotik und Sexualität.
Und nicht wenige Menschen verwechseln Verführung mit Manipulation.
Bei der Verführung geht es längst nicht (immer) um sexuelles Begehren.
Verführung ist in Wirklichkeit eine Kompetenz, die wir bestenfalls schon im Kleinkindalter erlernen.
Vielleicht kennt Ihr jenes Szenario – entweder als Eltern oder auch aus der eigenen Kindheit? – Am Ende eines Ausflugs kommt Ihr ganz überraschend an einem Streichelzoo vorbei.
Ein unwiderstehlicher Augenaufschlag, gefolgt von einem verführerischen Lächeln und einem sehnsuchtsvollen Blick.
Und weil die Antwort nicht schnell genug erfolgt, wird nachgelegt: „Die Ponys sehen so lieb aus…! Und hast du gesehen, da drüben gibt es auch Hasen…!“
Die Eltern zögern.
Eigentlich wäre es längst an der Zeit, heimzufahren.
„Wir könnten doch gemeinsam die Tiere füttern und streicheln! – Das wäre schön!“
(Die Verführung enthält jetzt einen konkreten Wunsch, der wie ein Geschenk in Seidenpapier überreicht wird)
„Papa, Mama – schaut nur, wie kuschelig das Fell ist!“
(Die Verführung wird jetzt bereichert durch die Einladung zum gemeinsamen Erleben)
Es wird lustvoll umschmeichelt – ein Tanz des Umgarnens und der Verführung.
Wenn Du solche Szenen aus der Elternrolle oder auch in Erinnerung an die eigene Kindheit kennen solltest, magst du vielleicht überrascht sein, wenn ich sage: ich kann Dir nur gratulieren!
Das Kind hat nämlich bereits Verführungsstrategien erlernen können.
Diese noch kindlichen Strategien der Verführung werden bestenfalls im Laufe der Jahre noch um vieles erweitert, verfeinert und situativ angepasst.
Irgendwann wird das Kind als mittlerweile erwachsener Mensch vielleicht vor einem Publikum stehen und dieses dazu verführen, ihm Aufmerksamkeit zu schenken;
es wird im Laufe der Jahre auch lernen den Partner (oder die Partnerin) spielerisch zu umgarnen, um auf diese Weise erotische Aufladung zu erzeugen.
Verführung wird dauernd eingesetzt – und sie hinterlässt bei beiden: beim Verführer und beim Verführten, ein gutes Gefühl.
Das ist der vielleicht wichtigste Unterschied zur Manipulation: bei der Manipulation gewinnt nur einer. Und es geht dabei (ausschließlich) um die Erfüllung des eigenen Bedürfnisses. Mit anderen Worten: es gibt ein Machtgefälle. Am Ende fühlt sich einer von beiden betrogen.
Eine Verführung ist dagegen wie ein unbeschwerter Tanz, der beide mit Glücksgefühlen bereichert.
Der Verführte fühlt sich mindestens so siegreich wie der Verführer.
Verführung ist auch nicht Überredung – sie bedient sich keinen Argumenten, oder Aufdringlichkeiten.
Verführungskompetenz ist also auch abseits jeglicher sexuellen Intention eine wichtige und bereichernde Eigenschaft, die es uns ermöglicht, Menschen für unsere eigenen Ideen zu gewinnen.
Es bedeutet zugleich auch, dass man in der Lage ist, innere Szenarien von emotionaler Aufladung zu entwickeln, daraus Begeisterungsfähigkeit zu schöpfen und mit dieser Lust auch das Umfeld dafür zu entzünden.
Verführung ist etwas, das wir im Laufe unseres Lebens erlernen. Dafür benötigen wir die Erfahrung einer tragfähigen Bindung, die es erlaubt uns auszuprobieren, aber auch zu scheitern.
Ich bin überzeugt davon, dass jeder von uns verführen kann. Die meisten scheitern, weil sie es sich selbst nicht zutrauen und weil Menschen häufig einen allzu hohen Anspruch an sich selbst haben und glauben, dass sie als Verführer/ Verführerin etwas Außergewöhnliches leisten müssen.
Um es ganz klar zu sagen: es braucht keinen materiellen oder organisatorischen Aufwand, um zu verführen.
Alles kann schon mit einem Lächeln beginnen.
Die Möglichkeiten Freude, Interesse und Lust auch nonverbal (durch Haltung, Gestik, Mimik) auszudrücken, sind schon fast unerschöpflich.
Unabhängig vom Inhalt – also den Worten – kann nur allein der Einsatz der Stimme enorm viele Gefühle transportieren und positive Spannung erzeugen.
Verführung ist eine Einladung zum gemeinsamen Lustgewinn.
Dabei muss längst nicht das erotische Begehren im Vordergrund stehen.
In vielen Bereichen des Alltags kommt es zu Verführungen:
VerkäuferInnen, die über eine ausgeprägte Verführungskompetenz verfügen, sind in der Lage schnell einen Kontakt zur Kundschaft herzustellen, eine positive Atmosphäre zu schaffen und zum Lustgewinn(kaufen) anzuregen.
Oder der Kellner, der mit einem charmanten Lächeln und einer feinsinnigen Bemerkung, die Gäste noch etwas zum Bleiben animiert!