„Wann ist es sinnvoll eine Paarberatung in Anspruch zu nehmen?“
Es kann darauf aus meiner Sicht keine allgemeingültige Antwort geben, aber ganz einfach gesagt: Je früher, desto besser!
Wenn nur einer von beiden in der Beziehung unzufrieden ist, Sprachlosigkeit und Distanz, oder wiederkehrende Konflikte (Eskalationsspirale) die Partnerschaft vermehrt dominieren, deutet das auf eine Schieflage hin. Ungelöste Konflikte können eine Weile verdrängt werden, aber sie verschwinden nicht von selbst und erhöhen früher oder später den (inneren) Druck. Mit Belastungen in der Paarbeziehung gehen viele Menschen so um, wie mit einer physischen Erkrankung:
Die Symptome werden oft lange beharrlich ignoriert, bis sie zu ernsthaften Einschränkungen führen. Ein Klient hat es einmal sehr treffend so formuliert: „(…) bis wir aufgewacht sind und etwas unternommen haben, hatte unsere Beziehung bereits den ersten Infarkt erlitten. Bis dahin war ich überzeugt: es kann doch nicht so schlimm sein…?“
Auf der anderen Seite kann Paarberatung keine Garantien für ein bestimmtes Ergebnis liefern, noch kann sie Wunder bewirken.
Es braucht für eine erfolgreiche und vor allem sinnvolle Beratung / Therapie erst einmal Klarheit über ein gemeinsames Ziel und einen konkreten Auftrag. Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass es sich dabei in der Regel um einen (Entwicklungs-)Prozess handelt, der auch seine Zeit benötigt. Erkenntnisse, die zwar der Verstand rasch erfasst, die aber nicht auch auf der emotionalen Ebene verarbeitet und integriert wrden können, sind weder tiefenwirksam, noch können sie langfristige Veränderungen herbeiführen.
Es erfordert also Motivation um an den eigenen Themen „dranzubleiben“, aber auch Vertrauen und Mut.
Manchmal gelangt man während eines Prozesses zu einem gefühlten Stillstand. Das sind Phasen, in denen bei allen Beteiligten das Gefühl entsteht, dass es gerade stagniert.
Oft ist das ein Indiz dafür, dass unbewusste Abwehrmechanismen gerade höchst aktiv sind, weil man sich eben einem sehr essenziellen (und verletzlichen) Bereich nähert.
Ich nenne das den „kritischen Punkt“.
Sinnbildlich gesprochen ist das die Schwelle vom „alten Kriegsschauplatz“ zum „neuen gemeinsamen Feld“, an dem sich die Paare dann befinden und noch unsicher sind, was sie auf diesem (neuen) Terrain eigentlich erwartet.
Und dann passiert nicht selten genau das:
die Kränkungen und Enttäuschungen liefern sich noch einmal eine erbitterte Schlacht gegen die Sehnsucht nach Nähe – Wut und Angst bauen gemeinsam Mauern gegen das Vertrauen.
Plötzlich scheint es so, als hätten beide den Rückwärtsgang eingelegt und würden mit Vollgas erneut auf die alten Schlachtfelder zusteuern, die – trotz aller schmerzhaften Erfahrungen, eben gewohnt und irgendwie vertraut sind.
Manche Paare resignieren und brechen an der Stelle ab. Entweder, um so weiterzumachen wie bisher- oder um zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Diejenigen, die am „kritischen Punkt“ noch dranbleiben und die Entscheidung treffen, den Weg weiterzugehen, haben die Chance am Ende des Weges einen hohen Grad an Reife und Klarheit zu gewinnen. Das sind dann jene Paare, die sich erneut – und diesmal wirklich frei für einander entscheiden und „Ja“ zueinander sagen können.
Liebe Grüße
Mikael